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Return handicaps

Return, indische Bauern und die Denkblockade durch Schulden

Einmal oder mehrfach gescheiterte Jungunternehmer, die es sodann zu wirtschaftlich erfolgreichen Firmengründern gebracht haben, sind in den Medien beliebte Beispiele für „erfolgreiches Scheitern“. Denn demzufolge sind mit unternehmerischen Elan und wirtschaftlichen Know-how und dem Grundsatz, aus Fehler lernt man, Sanierung und return möglich.

Ist das wirklich so einfach oder gibt es in dieser Situation der wirtschaftlichen Krise Handicaps? Sind die Schuldner uneingeschränkt handlungsfähig?

Bei dieser Frage kommen die in der Überschrift benannten indischen Bauern ins Spiel und damit eine Studie, die sich mit der Leistungsfähigkeit von Menschen in wirtschaftlich schwierigen Situationen beschäftigt.

Anandi Mani, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität von Warwick stellte indischen Zuckerrohrbauern im Abstand von einigen Monaten Aufgaben, die im Hinblick auf logisches Denken und die Fähigkeit von Problemlösungen übliche Bestandteile von Intelligenztests sind. Der Wohlstand dieser Zuckerrohrbauern unterliegt starken Schwankungen: Vor der Ernte leben sie in finanziell sehr engen Verhältnissen und nach der Ernte haben sie sich ein finanzielles Polster schaffen können. In der betreffenden Studie wurden die Tests sowohl vor als auch nach der Ernte durchgeführt. Nach der Ernte erzielten die Bauern bessere Ergebnisse als vor der Ernte. Hieraus folgern die Wissenschaftlerinnen, dass die Ursache für die schlechteren Testergebnisse vor der Ernte durch die zusätzliche mentale Belastung aufgrund der finanziell schwierigen Situation zu erklären sind.

Zur Überprüfung dieser Annahme führte das Wissenschaftlerteam eine ergänzende Studie in den USA mit wohlhabenden und armen Versuchsteilnehmern durch. Auch diese Studie bestätigt die Annahme, dass sich die Aufmerksamkeit aufgrund finanzieller Sorgen derart auf drohende Nöte fokussiert, dass nicht mehr genügend mentale Kapazitäten verbleiben, um sich den weiteren sich stellenden Aufgaben mit den notwendigen geistigen Ressourcen widmen zu können.


Aspekt der Kognitiven Dissonanz

Die Theorie der so genannten Kognitiven Dissonanz stammt vom amerikanischen Psychologen Leon Festinger. Demnach treten Dissonanzen auf, wenn neue Gedanken aufkommen und neue Informationen, die der bisherigen Meinung widersprechen – und damit zu einem inneren Konflikt führen. Da wir Menschen den Wunsch nach gedanklicher Harmonie haben, verdrängen wir diese unangenehmen und unserer bisherigen Ansicht widersprechenden Neuigkeiten.

Aufgrund dieser kognitiven Dissonanz nehmen wir in einer Situation der wirtschaftlichen Krise die Dinge selektiv wahr. Wir möchten nur wahrnehmen und nehmen auch nur wahr, was unserer Sicht der Dinge in dieser Krisensituation entspricht. Dabei können zwei sich gegenüberstehende Geisteshaltungen auftreten:

  • eine optimistische Sicht des Betroffenen, dass sich die wirtschaftliche Situation durch eigene Aktivität wieder positiv entwickeln werde: Bei dieser Sicht der Dinge in Verbindung mit einer selektiven Wahrnehmung besteht die Gefahr, all das nicht wahrnehmen zu wollen, was dem gewünschten Erfolg entgegensteht. Wenn ich die Folgen meiner eigenen Handlung gar nicht erst zur Kenntnis nehme, so bleibt mir die Kompetenzillusion.
  • eine pessimistische Grundhaltung: Die wirtschaftliche Krise ist verbunden mit Verlustängsten und damit der Unsicherheit, nicht mehr die Kontrolle in den Belangen des eigenen Lebens ausüben zu können. Die Betroffenen fühlen sich fremdbestimmt und als Opfer. Auch diese Opfersicht kann letztendlich im Zuge der kognitiven Dissonanz dazu führen, alle Eindrücke und Informationen nicht wahrnehmen zu wollen, die zeigen, dass man noch selbstbestimmt handeln kann und die Zügel in der Hand hält. Wenn diese Eindrücke verdrängt werden, um die eignen Opfersicht bestätigt zu erhalten, fehlt es den Betroffenen immer mehr an Eigeninitiative. Sie fühlen sich ausnahmslos fremdbestimmt.

 

Was folgt aus diesen Erkenntnissen?

In der wirtschaftlichen Krise sind die betroffenen Personen mit Handicaps belastet, indem ihre mentalen Kapazitäten durch die finanziellen Sorgen beansprucht sind, so dass nur noch begrenzt Ressourcen für die sich parallel dazu stellenden Themen vorhanden sind.

Für die von einer wirtschaftlichen Krise betroffenen Person – und damit zumeist dem Inhaber der jeweiligen Unternehmung – gilt es frühzeitig zu erkennen, inwieweit die wirtschaftliche Krise ihn bzw. sie in der eigenen mentalen Leistungsfähigkeit einschränkt. Soweit letzteres der Fall ist, sollte eine Unterstützung von Dritten mit Krisenkompetenz und Erfahrung eingeholt werden. Denn nur dadurch kann letztendlich wieder aus einer Situation der „Waffengleichheit“ gehandelt werden.

Die Aufgaben, die in einer Krise auf den/die Unternehmensinhaber(in) zukommen sind zahlreich, folgen in kurzfristigen Abständen und haben erhebliche Bedeutung. Dabei haben die Vertreter von Gläubigergruppen, wie z.B. den Banken, langjährige Erfahrungen in Verhandlungen, die durch eine wirtschaftliche Krise ihres Kreditnehmers ausgelöst werden. Zu diesem Erfahrungsvorsprung hinzu kommt nun noch das Handicap der Beeinträchtigten der mentalen Kapazitäten. Wenn sich die Betroffenen spätestens an dieser Stelle nicht ihrer Situation der eingeschränkten Leistungsfähigkeit bewusst sind, gehen sie mit einem erheblichen Ungleichgewicht in für sie bedeutsame Verhandlungen und hat dies zumeist erhebliche Auswirkungen auf das Verhandlungsergebnis.

Auch wenn Indien weit weg erscheint, so sind auch hiesige Schuldner in Zeiten fehlender finanzieller Mittel genau so wenig entspannt und genauso gehemmt im Denken wie die dortigen Bauern. Dessen sollten wir uns bewusst sein.

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One Response to Return, indische Bauern und die Denkblockade durch Schulden

  1. ASK 25. September 2017 at 14:11 #

    Äußerst informativer Artikel! Ebenfalls ein sehr gut zu verstehender und erklärender Schreibstil. Weiter so und beste Grüße, Michael Keulemann von der ASK Steuerberatung

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